Prima in Corona

…und wie Egoismus uns am Leben hält

Seit Tagen kursieren Videos in den Medien, die den tragischen Tod von George Perry Floyd aufgezeichnet haben. Auf diesen ist zu sehen, wie sich ein weisser Polizeibeamter minutenlang auf den Hals des 46-Jährigen setzt, während dieser panisch wiederholt, dass er keine Luft mehr bekomme. Trotz schlechter Auflösung sind seine mit Angst, Schrecken und absoluter Hilflosigkeit erfüllten Augen deutlich zu erkennen. Eine Stunde später, um 21:35 Uhr, kann nur noch sein Tod festgestellt werden. Der Afroamerikaner wird Opfer von Polizeigewalt, die auf tief verwurzelten Rassismus in der US-Gesellschaft zurückzuführen ist. Die ganze Welt tobt und wenn man die unzähligen Demonstrationen betrachtet, scheint Corona plötzlich weit entfernt zu sein. So erschreckend und zutiefst erschütternd der Tod von George Floyd auch ist, so ist er nicht der einzige, der sein Leben aufgrund von rassistischen Grundeinstellungen anderer verloren hat.

Rassismus ist nur eine Form der gezielten Ausschliessung einer oder mehreren Personengruppen aufgrund von Merkmalen wie beispielsweise Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Und dass man kaum mehr einem Kind das Wort „Rassismus“ oder „rassistisch“ erklären muss, zeigt einerseits auf, dass sich die Gesellschaft in eine Richtung der Toleranz bewegt, andererseits, dass dieses grundlegende Problem dennoch weiterhin abertausende Menschen in ihrem alltäglichen Leben einschränkt. Immer wieder stellte ich mir die Frage: Wo liegt der Ursprung dieser Ideologien und was treibt Menschen zu solchen Haltungen?

Obschon Erziehung und das Umfeld des Einzelnen eine essenzielle Rolle bei der Meinungsbildung spielen, hat das eigene Selbstbewusstsein ebenfalls einen grossen Einfluss auf die Eigen- und Fremdwahrnehmung. Indem er andere Personen erniedrigt, versucht der Mensch Unsicherheiten und Unzufriedenheit zu kompensieren und sobald sich andere diesem Feindbild anschliessen, fühlt er sich in seiner Machtposition bestätigt. Er fühlt sich besser, überlegen und sein geringes Selbstwertgefühl scheint für einen kurzen Moment vergessen. Diese egoistische Einstellung hat auch in Coronazeiten Anklang gefunden, sodass nicht selten Leute asiatischen Ursprungs im öffentlichen Verkehr das „Privileg“ eines freien Zugabteils geniessen konnten, während sie von anderen beschimpft, geächtet und zum Sündenbock dieser Pandemie gemacht wurden. Doch wozu hat der Mensch die Veranlagung egoistisch zu sein und inwiefern ist diese nützlich?

Um diese Fragen beantworten zu können, muss man zunächst einen gemeinsamen Nenner des Egoismus finden. Man kann darüber streiten, ob sich Veranlagungen und Haltungen durch Gottes Schöpfung, den freien Willen des Menschen oder durch Jahrtausende lange Entwicklung herauskristallisiert haben. Was jedoch unbestreitbar bleibt, ist, dass Egoismus Mensch und Tier am Leben hält. Von Darwins Evolutionstheorie ausgehend, heisst das oberste Ziel eines jeden Lebewesens Fortpflanzung zum einen, um den eigenen Artbestand zu sichern, zum anderen um eine möglichst grosse genetische Vielfalt an die nächste Generation weiterzugeben. Und um sich fortpflanzen zu können, muss der Mensch leben, überleben. Heutzutage leben wir, jedenfalls in den westlichen Breitegraden, selten von der Hand im Mund, weshalb die Bezeichnung „überleben“ wohl kein adäquater Ausdruck mehr darstellt. Dennoch sichern wir unsere Existenz, nur auf komplexere Art und Weise, indem beispielsweise minderjährige Angestellte einer Kleiderfabrik in Indien aufs Äusserste ausgenommen werden, nur damit wir hier an günstige Kleidung gelangen können. Sobald wir einmal auf den hedonistischen Geschmack des Fleischkonsums und Billigeinkaufs, Lügen und Schummeln gekommen sind, sind wir davon kaum mehr fernzuhalten. Dass auf der anderen Seite der Erdkugel Menschen dafür ihr Leben hergeben müssen, scheint ein Übel zu sein, welches wir gerne in Kauf nimmt.

Selbst bei Tieren, die in Rudeln leben und sich als Kollektiv gegenseitig unterstützen und nach dem Prinzip der Nahrungsteilung agieren, ist Egoismus ein bedeutender Faktor, wenn auch eher unterschwellig. So beispielsweise bei Wölfen oder anderen „vergesellschafteten“ Arten, die sogenannte Selbstaufopferung beruht auf Gegenseitigkeit. Das vermeintlich hilfsbereite Individuum profitiert von seinem eigenen Verhalten, weshalb nur ein reziproker Altruismus vorliegt, der egoistischen Charakter aufweist. Das Sprichwort „Eine Hand wäscht die andere“ hat sich über die Jahre der Evolution hinweg bis heute bewährt und stellt einen wichtigen Teil in unserem Sittenverständnis dar. Das Paradox der sozialen Evolution, in der Egoisten den Altruismus „erfunden“ haben, löst sich somit auf der Ebene der Wechselseitigkeit auf.

Ich, ich, ich; Generation me oder Zeitalter des Narzissmus – so werden die Folgen der individualistischen Ausrichtung einer Gesellschaft beschrieben, aber stellt Individualismus wirklich nur ein Zusammenschluss aus selbstverliebten und egoistischen Menschen dar? Ich prognostiziere das Gegenteil.

Individualismus ist Resultat einer historischen Entwicklung und ermöglicht den Einzelnen Freiheiten, durch die wir unser Leben gestalten können. Körperschmuck wie Tattoos oder Piercings hindern heutzutage kaum mehr jemanden, Chefarzt in der Onkologieabteilung zu werden. Egal ob hetero-, homo-, poly-, pan-, bi- oder asexuell, man kann seine sexuelle Ausrichtung ausleben, ohne Konsequenzen dafür tragen zu müssen – jedenfalls in der Theorie. In der Praxis sieht das Brechen von Tabus etwas anders aus, doch stellt diese bisher theoretische Loslösung von Zwängen ein Schritt in die richtige Richtung dar.

Historisch betrachtet wurde in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts der Individualismus zur neuen „Staatsreligion“ erhoben, in der Befreiung des Menschen von feudal-absolutistischen Mächten, sowie politischen, religiösen und kulturellen Einschränkungen die zentralen Ziele darstellten. Erstmals entstand in der Gesellschaft ein Bewusstsein der Autonomie und Unabhängigkeit, was schliesslich zur bedeutendsten Quelle von Eigenverantwortung wurde.

Während man in den fünfziger und sechziger Jahren durch den Druck auf den Einzelnen sich wieder selbstverständlich den vorgegebenen Normen fügte, die Kirche besuchte und sich dem gängigen Bild anpasste, entstand im Zuge der 68er-Bewegung eine neue Form des Individualismus, der Imperativ des zeitgemässen Individualismus. Was früher Mut war, wurde zu einem Muss. Der jugendliche Lebensstil wurde zur Ikone gekrönt und es entstand eine neue Form der Selbstverwirklichung. Gekoppelt mit anderen zentralen Merkmalen jener Zeit wie beispielsweise die permanente Selbstbespiegelung, die Egozentrik, der Narzissmus, das Bedürfnis nach Originalität und Einzigartigkeit, die Ablehnung von Autoritäten und hierarchischen Strukturen führte diese Selbstverwirklichung zu Vereinzelung, Vereinsamung und schliesslich zu sozialer Isolation.

Doch die Entwicklung geht weiter: Dem Zukunftsinstitut zufolge ist Individualität nicht mehr egoistisch, sondern immer mehr achtsam. Individualisten suchen Gemeinschaft und erschaffen diese neu. Das bereits vorhandene Ich und das neue Wir sind in Zukunft zwei Seiten derselben Medaille.

Selbstverständlich werden künftig egoistische Einstellungen und Handlungen weiterhin ein wichtiger Bestandteil von uns sein. Doch wo Egoismus beginnt und wo er endet, ist kaum eindeutig festzustellen. Das sogenannte „Selfcare-Prinzip“, welches Influencer auf ihren sozialen Medien anpreisen, stellt einen solchen Grenzfall dar. Mittels ansprechender Illustrationen wird dargestellt, wie man mehr Selbstachtung und Selbstliebe gewinnen kann – die Massnahmen dazu scheinen jedoch auf den ersten Blick etwas fragwürdig. So appellieren Personen der Öffentlichkeit, dass man ohne Rücksicht auf Verluste Tätigkeiten ausüben sollte, die man in diesem Moment als richtig erachtet. Anders zu sein, wird gelobt, glorifiziert und man beginnt förmlich nach eigenen Makeln zu suchen, nur um sich selbst zu inszenieren. Kurzum: Die 68er-Bewegung hat Spuren hinterlassen und Egoismus wird hochgepriesen.

Dennoch haben diese Influencer nicht gänzlich unrecht: Wer seinem Körper und Seele mehr Zeit und Achtsamkeit schenkt, stärkt seine eigene Psyche enorm. Dies wiederum führt dazu, dass man sich vermehrt für andere einsetzen und sorgen kann und der Umgebung nicht zur Last fällt. Man erlebt Eigenverantwortung und Eigeninitiative im ganz neuen Stil und kann sich mit sich selbst auseinandersetzen und sich kennenlernen, denn dies erachten viele Menschen als die Melancholie des Lebens – sich selbst kennenzulernen, um dann schliesslich Abschied zu nehmen. Melancholisch, ja, dennoch wunderschön.

Sich mit sich selbst zu befassen, setzt jedoch eines voraus: Zeit und Geduld.

Zeit hatten wir Primanerinnen und Primaner während der Corona-Pandemie genug. Drei Monate lang konnten wir uns den neuen und ungewohnten Herausforderungen des Distance-Learnings und dem Umgang mit Unsicherheiten stellen. Diese haben uns vieles gelernt und gleichzeitig beinahe an den Rand des Wahnsinns getrieben. Insbesondere das lange Bangen und Warten auf den Entscheid des Bundesrates bezüglich den Maturaprüfungen wird wohl jeder Maturandin und jedem Maturanden dieses Jahrganges noch lange Gedächtnis bleiben. Täglich wurden wir im Klassenchat und von diversen Lehrerinnen und Lehrern mit Neuigkeiten, Gerüchten und Meinungen über die Maturprüfungen versorgt. Die Ungewissheit war kaum noch auszuhalten und die Enttäuschung dementsprechend gross, als der Bundesrat selbst im April bezüglich den „Abschlussprüfungen auf gymnasialem Niveau noch keine Auskunft“ geben konnte. Natürlich hatte der Bundesrat mit anderen, dringenderen Problemen zu kämpfen, dennoch fühlten sich viele von uns nicht ernstgenommen. Gefühlt jede Woche wurden wir mit weiteren, nichtsbedeutenden Floskeln vertröstet und danach kamen von allen Seiten her die wildesten Gerüchte auf. Doch nicht nur die Gerüchteküche brodelte, sondern auch die Wut im Bauch bei vielen Schülerinnen und Schülern, aber auch bei den Lehrerinnen und Lehrern. So machten einige Lehrpersonen in Zoommeetings ihrem Ärger Luft und regten sich darüber auf, dass sie schon die Prüfungen geschrieben hätten und nun alles auf der Kippe stehen würde. Wir Gymnasiastinnen und Gymnasiasten wussten kaum mehr, wie und vor allem ob wir uns auf die Prüfungen vorbereiten sollten. Denn die Aussicht, sich stundenlang mit dem gesamten Schulstoff der Jahre Sekunda und Prima zu befassen, nur um danach nicht geprüft zu werden, erschien vielen von uns als grösseres Übel, als einer eventuellen Paniksituation und nächtelangem Durcharbeiten gegenüberzustehen.

Gerechtfertigte Kritik oder blanker Egoismus? Ich tippe auf Letzteres.

Die Gesamtsituation war für einige von uns eine immense psychische Belastung, sei es aufgrund von finanziellen Engpässen, sozialer Isolation oder Ungewissheiten jeglicher Art. Ungeachtet dessen wäre es eine Zumutung gegenüber den Bundesräten, aber auch anderen Direktbetroffenen des Coronavirus gewesen, wenn die Entscheidungen bezüglich der Abschlussprüfungen vorverlegt, während andere wichtigere und folgenreichere Beschlüsse vernachlässigt oder verschoben hätten werden müssen.   

Egoismus, ein stark negativ konnotierter Begriff, der in unserer Gesellschaft ein grosses Übel darstellt. Dennoch sichert dieser Trieb unser Überleben und ist ein fester Bestandteil unserer Existenz. Deshalb fordere ich Sie hiermit auf: Seien Sie egoistisch. Denken Sie ohne Gewissensbisse an sich selbst und lieben Sie sich für Ihre Einzigartigkeit. Doch das Leben ist ein Seil über dem Abgrund des Scheiterns, auf welchem Sie einem ständigen Balanceakt ausgesetzt sind. Finden Sie deshalb einen gesunden Mittelweg zwischen Selbstliebe und Fürsorge, Hedonismus und Kynismus, Toleranz und klaren Grenzen. Wir alle haben als Kollektiv, als Gemeinschaft aus Egoisten die Macht und das Potenzial, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, sodass Fälle wie jene des George Perry Floyd bald der Vergangenheit angehören.


Scharfsinnig und gesellschaftskritisch verknüpft Zoé Wigger in ihrem Essay persönliche Erfahrungen während ihrer «Coronazeit» mit politischen Ereignissen und historischen Erkenntnissen. Sie propagiert in einer Kette von freien Assoziationen das Ausleben eines gesunden Egoismus und stellt so den selbstlosen Altruismus unter eine kritische Beleuchtung.

die Jury