Warten aufs Tram

Unentschlossen stehe ich an der Tramhaltestelle beim Zytglogge, den schweren Ordner unter dem Arm, Turnbeutel in der Hand. Die Riemen des Schulsacks schneiden mir in die Schultern, er ist bis zum Rand mit Büchern gefüllt. Ich sehe zur anderen Strassenseite hinüber. Eine ergraute Frau mit ledrigem Gesicht und abgenutzter Stimme singt dort Here Comes The Sun. Sie sitzt auf einer dunklen Wolldecke, neben ihr steht ein Kinderwagen. Das Grollen ihrer ruppig angeschlagenen Gitarrenakkorde hallt laut unter den Lauben wider. Ab und zu gesellt sich ein metallenes Klirren dazu, wenn ein Passant etwas Münz in den Becher zu ihren Füssen fallen lässt. Ich blicke hinauf in den Himmel und frage mich, ob die Frau überhaupt weiss, was sie da singt. Die Schienen beginnen zu rattern, das blaue Bähnli biegt um die Ecke. Als es vor mir zum Stehen kommt, zögere ich. Es ist voll darin, vielleicht ist es besser, zu Fuss zu gehen. Nach kurzem Abwarten setzt sich das Tram wieder in Bewegung, mich alleine hinter sich zurücklassend. Drüben spielt die Alte auf der Decke noch immer. Ihr Blick ist unverwandt nach vorn gerichtet, der linke Mundwinkel hängt hinunter. Sie scheint ihre Umgebung nicht wahrzunehmen, die Atmosphäre der Stadt, die sich in den letzten Stunden verändert hat. Passanten bahnen sich argwöhnisch ihren Weg durch die Mengen, Pendler verlassen ihren wohlbekannten Strom, um stehen zu bleiben und zu telefonieren. Schüler treten verloren den Heimweg an. Es kümmert die Frau nicht, solange hin und wieder ein Klirren erklingt. Unentschlossen, was ich nun selbst tun soll, beobachte ich sie noch immer. Vielleicht sollte ich hinüber gehen, mein Portemonnaie herausfischen und mein Kleingeld in den Becher werfen. Oder mich umdrehen und nach Hause gehen. Dort wird keiner auf mich warten. Meine Eltern arbeiten im Ausland. Keiner weiss, wann sie heimkommen, bald werden die Grenzen geschlossen. Noch eine Ungewissheit. Der Wind zieht an meinen blanken Knöcheln. Kälte dringt durch die dünnen Sohlen meiner Chucks. Nach der ersten Frühlingswärme hat die Sonne wieder einen Rückzug gemacht und die Stadt in graugrüner Trostlosigkeit zurückgelassen. Es riecht nach Staub auf den Strassen, der Regen lässt auf sich warten. Ein weiteres Tram kommt vor mir zum Stehen und versperrt die Sicht. Ich warte, bis es losgefahren ist, und warte noch ein bisschen weiter. Worauf weiss ich nicht. Auf ein neues Lied vielleicht.

Die alte Frau auf der Decke, von bekannten Gesichtern Raffi genannt, hat den Stimmungsumschwung der Leute sehr wohl bemerkt. Nur weiss sie noch nicht so genau, ob sie daran teilhaben will. Am besten ist wohl einfach, sitzen zu bleiben und weiter zu singen. Sie mustert das Mädchen auf der anderen Strassenseite. Vermutlich gerade mal achtzehn. Kurze braune Haare und schief geschnittene Stirnfransen. Die Augen wirken dunkel. Raffi schlägt kräftig den letzten Akkord an und würgt den Klang sogleich wieder mit der Hand ab. Sie legt die Gitarre beiseite und fährt sich fahrig durch die eigenen Fransen. Sie sind zu lang. Zum Schneiden fehlt ihr aber der Spiegel. Krumme Fransen will sie nicht. Sie lehnt sich zurück und kaut auf ihrer Lippe, die nackten Füsse wiegt sie leicht hin und her. Durch die Kälte sind die Fersen aufgeplatzt. Neben ihr dringt der Geruch nach ranzigem Fett aus dem Take-Away. Der Becher ist noch nicht voll genug. Sie muss warten. Wie das Mädchen dort drüben. Schon wieder hat es ein Tram vorbeifahren lassen. Vielleicht hat es sich verlaufen. Obwohl die nicht dumm aussieht. Das ist eine der schlauen Sorte, die sich dicke Ordner unter den Arm klemmt. Das Fränzi ist auch so gewesen. Schlau. Das wussten alle, vor allem die Lehrer. Dann ging sie auf den Gymer und ein Jahr später kannten sie sich schon nicht mehr. Raffi stösst ein abruptes Lachen aus. Ein Kind, das vorbeiläuft, dreht sich zu ihr um. Sie streckt ihm die Zunge raus.

Als das dritte Tram an mir vorbeifährt und Turnsack und Ordner immer schwerer werden, setze ich mich auf die Stufen hinter mir. Ich stütze das Kinn auf die Knie und lasse den Blick über die Strasse wandern. Die Alte hat aufgehört zu spielen. Stattdessen starrt sie mich an. Ich schaue weg. Irgendwo schlägt eine Kirchturmglocke, doch ich zähle nicht mit. Es ist Nachmittag, bald schon Abend und die Schule ist vorbei. Für wie lange weiss ich nicht. Der Ordner neben mir ist aufgesprungen, zu viele Blätter haben sich über die Jahre darin angehäuft. Physik. Ich schnaube. Ich könnte den Ordner einfach hier zurücklassen, wenn ich gehe. Und dann? Vielleicht werde ich ihn noch brauchen. Fragt sich nur wofür. Meine Freunde wissen alle eine Antwort darauf. Sie brauchen Physik um Maschinenbau, Elektrotechnik oder Medizin zu studieren. In den letzten Wochen haben sich die Gespräche am Mittagstisch immer wieder um dieses Thema gedreht. Immer wieder um die Frage „Was machsch nachem Gymer?“ Und irgendwann habe ich vor der Menge an Möglichkeiten kapituliert. Um die Entscheidung noch etwas hinauszuzögern, habe ich mich für ein Zwischenjahr entschieden. Und genau das droht nun zur grössten Falle zu werden. Wenn Grenzen schliessen und Angestellte entlassen werden, werde ich für ein Jahr festsitzen. Auf einmal scheint ein Studium die einzige Lösung zu sein, die Beschäftigung garantiert.

Jetzt sitzt sie schon. Raffi schüttelt den Kopf und beugt sich zum Wagen hinüber. Irgendwo müssten noch Kippen sein. Unter dem Hundefutter taucht eine zerquetschte Schachtel Parisienne auf. Sie steckt einen Stängel in den Mund und lässt das Feuerzeug schnappen. Dann beobachtet sie das Mädchen. Raffi kann sich nicht entscheiden, ob es sie nun an Fränzi oder sie selbst erinnert. Sie fragt sich, wo es die alte Freundin hingetrieben hat. Gleichzeitig graut ihr vor einem Wiedersehen. Fränzi wusste immer, was sie wollte. Die Zigarette ist schnell aufgeraucht. Raffi kneift ein Auge zusammen, zielt auf das Mädchen und schnippt den Stummel in deren Richtung. Dann greift sie nach der Gitarre und schlägt ein neues Lied an.

Give a Little Bit. Die Alte hätte ihre Zigarette nicht rauchen sollen, ihre Stimme klingt noch schroffer als zuvor. Wenigstens hat sie Rhythmus. Der Boden ist verdammt kalt. Ich frage mich, was ich hier tue. Warum ich nicht heimgehe. Auf die verlassene Wohnung habe ich aber so gar keine Lust. Ich sollte hier bleiben. Alter, ist das kalt. Wie es wohl wäre, tagelang hier herumzusitzen? Zuhause wird es kaum anders sein. Einsamer. Ich könnte mich zur Alten setzen. Vielleicht lässt sie mich auch mal spielen. Ein paar Akkorde kenne ich. Ob wir uns das Geld teilen würden? Gestern hätte ich so etwas nicht gemacht. Heute vielleicht schon. Ich greife nach meinem Ordner und setzte mich drauf. So ist es schon erträglicher. In meinem Turnbeutel sind auch noch Kleider. Ein Tram fährt vorbei.

Raffi singt, schlägt die Akkorde und verdrängt ihre Gedanken. Sonst würde sie wohl darüber nachdenken, wo der Hund ist. Wo sie schlafen soll. Woher sie morgen ihr Geld bekommt. Bald wird diese Strasse ausgestorben daliegen, das weiss auch Raffi. Sie singt weiter, schaut sich vorübergehende Schuhpaare an. Fränzi ist sicher eine der Frauen mit den hohen Schuhen. Die selbstsicher klackernd vorbeieilt. Vermutlich würde sie Raffi nicht erkennen. Sie würde nicht erwarten, dass die alte Freundin mit einem Becher auf dem Boden sitzt.

Mir fallen ihre nackten Füsse auf. Ich selbst spüre kaum noch meine Zehen, der dünne Stoff der Chucks bietet keinen Schutz vor der Kälte. Langsam beuge ich mich zu meinen Füssen hinunter und streiche darüber. Kribbeln breitet sich aus. Meine Finger wandern zu den Schnürsenkeln hoch. Kurz zögere ich. Dann knüpfe ich den Knoten auf und schlüpfe aus den Schuhen. Kalte Luft streicht über die Haut. Ich wackele mit den Zehen und geniesse das freie Gefühl. Die Chucks stopfe ich in den Turnbeutel. Heisses Brennen fährt durch die Fusssohlen, als ich sie auf den Stein setze. Es ist still um mich herum. Die Alte hat aufgehört zu singen. Ich rechne damit, ihrem Blick zu begegnen, doch sie starrt auf meine Füsse. Ihre Hand hält über den Saiten inne. Wartet kurz ab, kratzt am Kinn. Dann spielt sie weiter. Ich lehne meinen Kopf an den Sandstein neben mir. Die Geräusche um mich herum verblassen.

Raffi denkt nicht nach und das Mädchen drüben auch nicht. Gleichgültig lässt es die Trams passieren. Der Wind spielt mit ihren Stirnfransen, die Augen darunter sind geschlossen. Sie sieht nichts und hört nichts. Auch nicht den Mann, der im Vorbeigehen nach ihrem Rucksack greift. Die Glocke schlägt sieben Uhr, hinter Raffi wird das ranzige Fett weggegossen. Letzte Nachzügler hasten nach Hause zum Abendessen. Die alte Frau auf dem Boden streckt die Glieder und gähnt. Dann steht sie auf. Als ich meine Augen wieder öffne, bemerke ich den leeren Platz vor dem Take-Away. Dort wo vorher die Alte gesessen hat, hängt ein rotes Plakat. Bleiben Sie jetzt zuhause. Die Strasse ist leer. Meine Füsse sind taub. Ich überlege, mir wieder die Schuhe anzuziehen. Aber ich spüre ja nichts. Meine rechte Schulter ist steif. Ich lasse sie kreisen und schaue mich dabei um. Der Schulsack ist fort. Die Bücher darin auch. Es kümmert mich nicht. Ich bleibe einfach hier sitzen und warte. Warte auf das nächste Tram und warte vielleicht noch ein bisschen weiter.

Frei nach Samuel Beckett

„Am ersten Abend des Corona-Lockdown beobachten sich zwei Frauen lange aus Distanz und finden doch nicht zueinander. Michelle Peyer schildert in ihrer Kurzgeschichte auf eindrückliche Weise, wie sich Verunsicherung und Gleichgültigkeit zu einem neuen Lebensgefühl vermischen, wenn vieles nicht mehr so ist wie am Tag zuvor. Psychologisch klug, gekonnt komponiert, sprachlich bestechend.“

die Jury