Die Welt der Anna Küching

Vorwort

In den letzten Monaten der Prima konnte ich mich mit vielen verschiedenen Büchern der Weltliteratur auseinandersetzen und bin seither von der Gesellschaftskritik von Autoren wie Heinrich Böll, Franz Kafka, Gottfried Keller und G.E. Lessing fasziniert. Ich nutze den Kreativ- wettbewerb des Gymnasium Kirchenfelds, um selbst eine gesellschaftskritische Kurzge- schichte zu verfassen.

Vor gut zwei Monaten las ich einen Artikel in der Zeitung „der Bund“, welcher besagte, dass die Corona-Krise die alte Rollenteilung zwischen Mann und Frau wieder aufleben lässt. Gleichzeitig stellte ich auch bei mir zu Hause fest, dass sich meine Mutter immer mehr um unseren Haushalt kümmert und täglich kocht. Als Primaner, der sich während der Krise aus- giebig und kritisch mit der heutigen Gesellschaft auseinandergesetzt hat, kann ich bewusst unter dem Slogan „Prima in Corona“ eine Kurzgeschichte schreiben, die sich mit der Rollentei- lung innerhalb der Familie beschäftigt.

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Am 16. März 2020 wacht Anna Küching, wie an jedem Montag, um sieben Uhr dreissig auf. Heute ist aber kein normaler Montagmorgen. Heute steht Anna ihr erster Tag im Homeoffice bevor. In ihrem Job als Personalchefin in einem grösseren Möbelhaus ist der persönliche Kon- takt zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr wichtig und sie geniesst ihn sogar. Doch heute wird sie in ihrem Wohnzimmer arbeiten müssen.

Anna ist nicht die einzige Arbeitnehmerin, die ab heute von zu Hause aus arbeiten wird. Die ganze Welt ist vom Coronavirus befallen. In ganz Europa wurden Massnahmen beschlos- sen und umgesetzt, um die Verbreitung des Virus zu stoppen. So werden nun auch in der Schweiz Schulen, Restaurants und viele weitere Einrichtungen des öffentlichen Lebens ge- schlossen. Eine weitere Massnahme ist, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wie Anna und ihr Mann Jonathan in der nächsten Zeit von zu Hause aus arbeiten werden.

Nun hat die alte Turmuhr, welche Anna bisher kaum bemerkt hat, bereits vor fünf Minuten neun Uhr geschlagen und Anna erscheint zu einer wichtigen Videokonferenz um genau diese fünf Minuten zu spät. Für ihr Team ist das aber nicht weiter schlimm. Sie gehen davon aus, dass Anna technische Probleme gehabt hat, und freuen sich, ihr Lächeln wieder zu sehen, so dass sie ihre entsprechende Entschuldigung ohne zu zögern sofort annehmen. Doch Anna hat die letzte Stunde damit verbracht, ihren Kindern ein Frühstück zu servieren und ihnen zu hel- fen, sich mit den neuen Laptops über das Internet mit den Lehrpersonen zu verbinden. Anna selbst trifft kaum eine Schuld an ihrer Verspätung. Höchstens vielleicht, dass sie das Wohl ihrer Kinder über ihr eigenes zu stellen gewohnt ist. Doch Anna verspürt weder Notwendigkeit noch Lust, dies ihren Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen so mitzuteilen. Der Chef oder Karl, wie er von seinen Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen genannt wird, beginnt die Zielsetzung für die kommende Woche zu kommunizieren. So startet Anna skeptisch aber auch neugierig in die erste Woche Homeoffice.

Anna kann sich noch nicht vorstellen, wie sich die nächsten Monate entwickeln werden. Ihr Tagesablauf wird sich stark verändern und sie wird lernen, was Multitasking heisst. Sie wird verstehen müssen, dass sie sich in ihrer neuen Funktion als Hausfrau, Putzkraft, Köchin und Kinderbetreuerin keine Pausen mehr gönnen kann.

Gegen Mittag nach einer weiteren Videokonferenz und nachdem sich Anna bereits mit der Ausarbeitung eines Konzepts zur Neuanstellung von Verkaufspersonal beschäftigt hat, muss sie sich um das Mittagessen ihrer Kinder kümmern. Jonathan, der als erfolgreicher Anwalt für Wirtschaftsrecht mit einem Freund eine eigene Kanzlei betreibt, und Anna haben zwei Kinder: Noah und Lina. Noah ist ein zwölfjähriger neugieriger Junge und geht in die sechste Klasse. In seiner Freizeit treibt er gerne Sport. So spielt er als Stürmer in einem Fussballnachwuchsteam, das jedes Jahr um die regionale Meisterschaft wetteifert. Lina hingegen ist ein zartes und lieb- liches Mädchen. Aufgrund ihrer Cleverness konnte sie sogar die zweite Klasse überspringen. Nur so kann sie heute mit 10 Jahren bereits die fünfte Klasse besuchen. Beiden ist Anna eine durch und durch vorbildliche Mutter und dementsprechend wird sie auch von beiden Kindern sehr geliebt. Es heisst ja oft, dass die Liebe der Familie der Lohn für die Hausarbeit sei. Doch kann diese Liebe wirklich den fairen Lohn für die harte Hausarbeit ersetzen, und muss diese Liebe nicht gezeigt werden?

Anna hat in der Zwischenzeit liebevoll drei Sandwiches zubereitet und serviert sie nicht nur ihren Kindern, sondern auch ihrem Mann, der heute erstmals das Arbeitszimmer verlässt. Man kann ihm die Unsicherheit bezüglich der Zukunft seiner ihm so wichtigen Kanzlei im Gesicht ablesen. Jonathan hat vor gut sieben Jahren mit seinem engen, ja fast besten Freund Yannik Kunz eine eigene Kanzlei gegründet. Seither läuft sie gut und neue Aufträge lassen selten auf sich warten. Doch ob oder eher wie diese Krise seine Kanzlei treffen wird, bereitet ihm grosse Sorgen. In seinen Zukunftsängsten versunken scheint er heute abwesend und gleichgültig aber gleichzeitig auch gestresst und nervös zu sein. Kurzum: Jonathan an diesem Mittag zu durch- schauen ist so gut wie unmöglich. Er würdigt das mit Liebe zubereitete Mittagessen seiner, eigentlich ebenfalls mit Arbeit ausgelasteten, Ehefrau keines Blickes und verspeist es zügig, um schnellstmöglich wieder im Arbeitszimmer zu verschwinden. Die Kinder hingegen essen nicht nur mit einem Lächeln im Gesicht, sie erzählen ihrer Mutter auch was sie am Vormittag erlebt haben und wollen wissen, was sie am Nachmittag machen werden. Doch Anna hat nichts vorbereitet. Sie muss arbeiten. Sie sagt den Kindern schweren Herzens, dass sie doch fernsehen sollen und sie morgen zusammenspielen und vielleicht sogar einen kleinen Ausflug machen können.

So kommt es, dass Anna den ganzen Nachmittag arbeitet und ihre Kinder vor dem Fernse- her sitzen. Genau das wollte Anna eigentlich nie. Sie war immer überzeugt, dass man sich um seine Kinder kümmern muss und sie nicht einfach unbeaufsichtigt vor einen Fernseher ab- schieben darf. So kümmert sich Anna meistens um die beiden Kinder und jeweils einen Tag pro Woche verbringen die Kinder jeweils bei ihren Grosseltern. Hier und heute kümmert sich aber niemand um Noah und Lina, was Anna zu tiefst betrübt.

Ganz anders ihr Mann. Er sitzt schweissgebadet im Arbeitszimmer, als gäbe es nur seine Kanzlei. Er telefoniert mit seinem Partner und wirkt nervöser als ein Junganwalt vor seinem ersten Plädoyer. Dabei tippt er mit seinem Zeigefinger hektisch und taktlos auf seinen Büro- tisch – vielleicht auf der Suche nach den beruhigenden Melodien der Kinderlieder, die seine Mutter vor dem Einschlafen jeweils zu singen pflegte.

Anna hat mittlerweile ihre wichtigsten Aufgaben erledigt und betritt das sogenannte Fern- sehzimmer, wo die beiden Kinder eingekuschelt eine neue Folge ihrer Lieblingsserie mitver- folgen. Sie unterbricht die Gemütlichkeit der Beiden, um sicherzustellen, ob sie ihre Aufgaben pflichtbewusst und vollständig gemacht haben. Lina hat natürlich alles verstanden und nicht einen einzigen Fehler gemacht, während Noah wieder einmal zahlreiche Fehler in seinen Ma- theübungen gemacht und dabei noch nicht einmal alle gelöst hat. Anna nimmt ihn deshalb mit ins Wohnzimmer, wo sie mit ihm die Aufgaben nochmals löst. Auch Lina hat sie aus dem Fernsehzimmer gezerrt. Nicht damit Lina den beiden helfen kann, sondern vielmehr, damit sie sich bereits mit den Aufgaben der sechsten Klasse vertraut machen kann und nicht den ganzen Tag vor der Glotze faulenzt.

Die Zeit fliegt, wie den ganzen Tag, auch bei dieser Tätigkeit nur so vorbei. Nach fast zwei Stunden schliessen sie endlich die letzte Aufgabe ab und da tritt auch schon Jonathan nieder- geschlagen aus dem Arbeitszimmer. Er fragt völlig energieentladen, wo denn das Abendessen versteckt sei. Anna blickt auf die Uhr und realisiert wie spät es schon ist. Sie erinnert sich auch, dass sie ja heute den Linseneintopf, welchen alle in der Familie so mögen, kochen will. Be- schämt entlässt sie die Kinder heute bereits ein zweites Mal in den Fernsehraum, weil Jo- nathan überhaupt kein Interesse an der Betreuung seiner beiden Kinder zu haben scheint.

Nach einer dreiviertel Stunde hat Anna ein leckeres Abendessen herbeigezaubert. Die Fa- milie setzt sich zu Tisch und beginnt zu essen. Die Kinder streiten miteinander, wer zuerst den Salzstreuer benutzen darf, und Jonathan entscheidet sich, obwohl er so abwesend scheint, etwas von seinem offenbar niederschmetternden Arbeitstag preiszugeben. Wie an so vielen normalen Tagen zuvor, isst die Familie gemeinsam.

Nach dem Abwasch spielt Anna mit ihren beiden Kindern, bis sie die Kleinen um neun Uhr ins Bett schickt und mindestens ebenso erschöpft wie die Beiden in ihr Schlafzimmer geht. Doch Jonathan will mit ihr nun noch über ein ernsteres Thema sprechen, nämlich über die finanzielle Zukunft der Familie. Die Küchings sind zwar wohlhabend und wohnen in einer mo- dernen Sechszimmerwohnung, doch wirklich reich sind sie deshalb noch lange nicht. Viel Ka- pital der Familie steckt in der Kanzlei. Das erklärt auch die finanziellen Sorgen und Ängste von Jonathan. Zudem lebte die Familie in den letzten Jahren nicht gerade sparsam. So muss sich Anna, als wäre sie heute nicht schon genug Mutter gewesen, auch noch um die Zukunftsängste ihres gestressten Mannes kümmern und versuchen, ihn zu beruhigen.

Nach einer Weile gelingt Anna dies auch und sie kann sich endlich ins Bett fallen lassen. Sie schläft sofort ein. Ein Tag kann Anna dies problemlos aushalten. Doch die Massnahmen der Regierung sind erst gerade in Kraft getreten. Sie konnte nicht annähernd so viel für ihre Arbeit erledigen wie sie sollte und musste sich um alles und jeden kümmern. An diesem ersten Abend ist Anna nur müde. Sie macht sich kaum Gedanken über die Situation. Ihr fiel kaum auf, dass ihr niemand dankte oder fragte, wie denn ihr Tag gewesen sei. Dabei war auch ihre Arbeit heute nicht besonders freudig. Sie konnte aber nicht einfach wie ihr Mann das entsprechende Gesicht ziehen und den Haushalt sein lassen. Nein, sie muss den Laden hier am Laufen halten!

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Seit etwa einem Monat hat sich Annas Tagesablauf kaum verändert. Sie muss ihren Tag so gestalten, dass es ihr gelingt, sich sowohl um die Hausarbeit als auch um die Kinderbetreuung zu kümmern, nebst dem sie noch ihr 60%-Arbeitspensum bewältigen sollte. Die Zeit im Home- office wird für Anna zu einem immer grösserern Stresstest. Sie arbeitet hart und versucht, ihren Kindern bei den Schulaufgaben zu helfen, sowie ihnen spannende Nachmittage zu be- scheren. Zudem putzt sie nun die Sechszimmerwohnung einmal wöchentlich, da ihre Putzkraft während den Krisenmonaten ausfällt.

Eigentlich putzt Anna nicht gerne, doch die Liebe zur Familie zwingt sie auch zu dieser Tä- tigkeit. Jonathan überlässt ihr auch diese Arbeit nur zu gerne und nimmt nur beiläufig wahr, dass sich Anna bemüht, alles sauber zu halten.

Heute allerdings ist ein ganz spezieller Tag. Wie an jedem bisherigen Tag führt Anna auch heute den Haushalt und betreut ihre Kinder. Die ganze Familie hat sich mittlerweile an den Alltag gewöhnt. Die Kinder spielen gerne mit ihrer Mutter und Jonathan hat durch die wegfal- lende Reisezeit seine Vorliebe für die grossen Klassiker der Weltliteratur wiedergefunden. Für Anna hingegen gehört es nun zur Gewohnheit, ihre Kinder zu bemuttern, für ihren Mann da zu sein und den Haushalt zu führen. Insofern hat sie im letzten Monat auch kaum Zeit für sich selbst gehabt. Mittlerweile ist sie gereizt und wirkt niedergeschlagen. Der Stress beginnt all- mählich ihre Gutmütigkeit und Geduld zu zerreissen. Auch wenn sie sich von ganzem Herzen wünscht, dass ihr Mann ihr beim Haushalt oder der Kinderbetreuung hilft, verbietet es ihr Stolz, ihn um Hilfe zu bitten. So leidet sie bereits seit den ersten Tagen unter der ausserge- wöhnlichen Situation. Heute, nach einem überlastenden Arbeitstag, kümmert sie sich liebevoll um die heute besonders lebhaften Kinder und stellt sich anschliessend für fast zwei Stunden in die Küche, um ein besonders appetitliches und schon fast sternewürdiges Coq au Vin zuzu- bereiten.

Hätte sich jemand, nachdem Anna den Tisch gedeckt und alle zu Tisch gerufen hat, für das zubereitete Essen bedankt oder hätte sie einen weniger anstrengenden und gestressten Tag gehabt, wäre die folgende Szene vielleicht gar nicht erst entstanden. Doch heute, am Abend des 8. April, ist alles anders. Heute ist es Anna leid, sich um alles und jeden zu kümmern. Sie fragt ihren in letzter Zeit so wortkargen Mann: „Schmeckt es dir denn nicht?“ Jonathan ant- wortet kurz und knapp: „Doch, doch, aber ich habe zurzeit andere Probleme.“ Hier fällt die liebe und fürsorgliche Anna erstmals aus ihrer Rolle. Der Lohn für ihre Arbeit sei ja bekanntlich die Liebe ihrer Familie. Doch man muss ihr diese Liebe auch zeigen. Anna fühlt sich ausgenutzt, ja vielleicht sogar in einer gewissen Weise betrogen. Auf jeden Fall entgegnet sie ihrem Mann in einem scharfen Ton: „Ah, was sind denn bitte schon wieder deine Probleme?“ Jonathan, der ihre Aufruhr zwar sofort erkennt aber nicht wirklich nachvollziehen kann, antwortet genervt: Die von uns allen! Du willst ja schliesslich auch so weiterleben.Für Anna ist dies Grund genug, einen heftigen verbalen Streit vom Zaun zu brechen.

In der Folge fallen auch ein paar grobe Bezeichnungen und die Liebe, welche diese Familie noch vor einem Monat ausstrahlte, ist nicht wiederzuerkennen. Der Streit geht soweit, dass Anna in Tränen am Esstisch zurückgelassen wird und ihr Dessert, ein mit viel Mühe zubereite- tes Tiramisu, unberührt im Kühlschrank stehen bleibt.

Eigentlich hat sich Anna ihr Leben lang gegen die Rolle als Hausfrau gewehrt. Dank ihrer Ausbildung und der guten Stelle, die sie derzeit innehat, ist sie bisher auch nie in diese Rolle

gedrängt worden. Obwohl sie ab und zu gerne kocht und es für sie selbstverständlich ist, die Wäsche zu machen, hat sie bis heute noch nie so sehr das Gefühl gehabt, eine Hausfrau zu verkörpern. Mit tollen Noten hat sie ihr BWL-Studium dereinst abgeschlossen und verfolgt ihre Karriere seither zielstrebig und engagiert. Nur deswegen kann sie mit ihrem 60%-Arbeits- pensum Personalchefin sein. Für Anna war es von Anfang an klar, dass sie sich in einer gewis- sen Weise zwischen Familie und Karriere entscheiden muss. Jonathan und sie einigten sich seinerzeit, sich gemeinsam um die Betreuung der Kinder zu kümmern. Doch dann gründete er seine eigene Anwaltskanzlei und seither hat er nie wieder alleine und freiwillig nach seinen Kindern geschaut. Nun fühlt sich Anna endgültig als Hausfrau und im Stich gelassen. Sie fragt sich, ob sich überhaupt jemand in dieser Familie für sie interessiert. Ihr Mann weiss ihren täg- lichen Einsatz in keiner Art und Weise zu würdigen. So geht sie heute nach diesem Streit trau- rig und mit gesenktem Kopf ins Schlafzimmer, wo Jonathan bereits schnarchend drei viertel des Bettes besetzt.

Der nächste Tag wird ganz anders sein. Anna wird aufwachen und Dankbarkeit für ihre bisherige Mühe im Haushalt und bei der Betreuung der Kinder erfahren. So wird das Frühstück am nächsten Morgen bereits vorbereitet sein. Denn Jonathan will die ihm an den Kopf gewor- fene Bezeichnung „fauler Macho“ nicht einfach auf sich sitzen lassen. Es ist vielmehr dieser Bezeichnung und der damit verbundenen Kränkung seines Egos, als dem Willen seiner Frau zu helfen, zu verdanken, dass er seine Dankbarkeit auszudrücken und im Haushalt mitzuhelfen beginnt. Diese Dankbarkeit wird Anna auch von ihren Kindern erfahren, die von diesem hefti- gen Streit nicht verschont geblieben sind und seither eingeschüchtert und verunsichert wir- ken. Sie werden nun fleissig „Danke“ oder „Merci“ sagen und ihre Mithilfe anbieten. Doch diese Dankbarkeit und Mithilfe wird nicht von Dauer sein. Nach zwei, drei Tagen wird der Streit vergessen und Anna im Haushalt wieder auf sich selbst gestellt sein. Sie hingegen wird den Streit nicht vergessen und ihre Familie mit anderen Augen sehen.

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Nach nun fast zwei Monaten zu Hause werden die Massnahmen gelockert und so beginnt sich auch der Stress zu lösen, der Anna in der letzten Zeit quälte. Heute, am Nachmittag des 11. Mai, trifft sich Anna mit zwei Freundinnen. Einerseits mit Kathrin und andererseits mit Mi- chelle. Sie treffen sich in ihrem Lieblingscafé, in welchem sie schon seit über sieben Jahren gerne gemeinsam Zeit verbringen. Die drei Damen haben gemeinsam die Grundschule be- sucht, ehe Kathrin eine Lehre im Detailhandel abschloss und Michelle mit Anna das Gymna- sium besuchte. Heute arbeitet Kathrin als Lebensmittelverkäuferin bei einer grösseren Kette und Michelle ist freiberuflich in der Unterhaltungsbranche tätig.

Nach einer herzlichen Begrüssung nehmen die drei Freundinnen Platz und Michelle be- ginnt eifrig zu erzählen: „Das war aber mal eine stressige Zeit. Ich hatte gar keine Freizeit. Ich habe quasi täglich gekocht und geputzt.“ Kathrin, die vierfache Mutter, erzählt in diesem Zu- sammenhang, dass sie ihr Pensum reduzieren musste, um sich um die ganze Hausarbeit und

die Kinder zu kümmern. Michelle, die Mutter von zwei Gymnasiasten, nutzt die Gelegenheit, um bei Kathrin nachzufragen: „Und dein Mann? Hat der dir nicht geholfen?“ „Nein und das obwohl er eigentlich in Kurzarbeit ist.“ Michelle schüttelt den Kopf und entgegnet empört: „Was für ein Macho!“ Weiter führt auch sie ihre Situation zu Hause aus und muss sich einge- stehen, dass auch ihr Mann nur selten im Haushalt hilft. Nach einem längeren Monolog kommt sie zum Schluss: „Ehrlich gesagt, habe ich manchmal auch über eine Trennung nachgedacht. Mein Mann interessiert sich kaum mehr für mich und meinen Kindern ist die Familie so gut wie egal. Auf jeden Fall scheint es so. Ich bin es leid, mich um alles und jeden zu kümmern.“ Kathrin kontert Michelle: „Jemand muss sich doch um alles zu Hause kümmern und das sind nun mal wir Frauen.“ Hier scheint Kathrin bei Michelle einen Nerv getroffen zu haben. Denn sie ent- gegnet ihr mit einem scharfen Ton: „Genau das wollte ich nie! Ich wollte nie Hausfrau sein! Ich bin eine unabhängige selbstständige Frau und es gibt keinen Grund, dass ich in unserem Haus- halt mehr als mein Mann machen muss.“ „Sprich doch mal mit deinem Mann.“ Schlägt Kathrin vor, um die Situation nicht ausarten zu lassen. Auch hierauf hat Michelle eine Antwort: „Das habe ich doch. Er hilft jetzt auch ein wenig mit. Aber den grössten Teil des Haushalts erledige ich immer noch alleine. Ich bin es einfach Leid, immer alles für alle zu machen. Und das für nichts, für gar nichts. Kein Danke, kein hab dich lieb, nein, gar nichts!“ Kathrin muss sich selbst zugestehen, dass das auch bei ihr nicht anders ist und sagt: „Ich weiss, es ist schon nicht sehr toll, dass wir Frauen zu Hause alles machen müssen. Aber so ist es nun mal. So war es schon immer und unsere Männer verdienen im Gegenzug unser tägliches Brot.“ – Hier muss angefügt, werden, dass sowohl Michelle als auch Anna, wenn sie 100% arbeiten würde, den Lebensunterhalt ihrer Familien bestreiten könnten. Lediglich Kathrins Familie ist noch im klas- sischen Sinne vom Einkommen des Mannes abhängig. Dementsprechend antwortet Michelle auch empört: „Was für eine dumme, unerhört dumme Aussage! Ich verdiene gut, habe mein eigenes kleines Unternehmen aufgebaut und muss hier gar nichts. Ich schmeisse den Haushalt, weil ich lieb bin und ihn jemand schmeissen muss. Du mit deinem veralteten Weltbild kannst gerne weiterhin deinen Mann förmlich anbeten, doch bitte verschone mich damit.“ Nun fühlt sich auch Kathrin angegriffen und entgegnet auch entsprechend scharfzüngig: „Nur weil du dich zu gut für die Hausarbeit fühlst, kannst du nicht die Pflichten einer Mutter und Frau abge- ben. Wenn…“ „Aber das sind ja nicht meine Pflichten, auf jeden Fall nicht die Pflichten einer Frau im 21. Jahrhundert.hält Michelle dagegen, noch bevor Kathrin ihre Überlegungen zu Ende führen kann.

Anna beteiligt sich fortan kaum am Gespräch ihrer zwei besten Freundinnen. Sie sitzt nur da und lauscht dem Gespräch. Anna hat genau dieses Gespräch so oft mit sich selbst geführt. Immer wieder hat sie sich selbst gefragt, ob es ihre Pflicht ist, sich um den Haushalt zu küm- mern, die Kinder zu betreuen und ihren gestressten Mann zu beruhigen. Nun weiss sie, dass nicht nur sie sich in eine Hausfrau verwandelt fühlt, sondern auch ihre Freundinnen. Doch ihr Mann hat sie nie bewusst in diese Rolle gedrängt. Vielmehr liess seine Gleichgültigkeit zu, dass sie sich selbst in diese Rolle drängte. So wie seine fehlende Dankbarkeit dazu geführt hat, dass sie sich nun allein gelassen und vergessen fühlt. Sie denkt an unsere Gesellschaft und fragt sich selbst: „Ist es in unserer modernen Gesellschaft überhaupt möglich, einer ver- alteten Rollenteilung zu entkommen?“

„Scharf beobachtete Alltagszene mit viel Liebe zum Detail und Empathie für die Situation von vielen Frauen während des Lockdowns“

die Jury